"Firmen teilen Macht nicht gern"

Initiativen zur Gründung von Betriebsräten werden oft behindert: Auch bei Vilsa?

Ralf Kornacker (32) trifft sich im Januar mit seinem Arbeitgeber Vilsa vor Gericht. (Foto: Weser Kurier, Frank-Thomas Koch)

Bremen. Frikadellen, Brötchen, Pfand-Bons, Maultaschen: In Deutschland häufen sich die spektakulären Gründe für Kündigungen. Doch nicht nur solches Fehlverhalten kann für Mitarbeiter unliebsame Folgen beim Chef haben. In manch einem Unternehmen kann es auch Folgen haben, wenn sich Mitarbeiter zu stark in Gewerkschaften organisieren oder gar einen Betriebsrat gründen wollen.

 

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ärgert beispielsweise seit 2004 jährlich den Discounter Lidl mit einem 'Schwarzbuch', in dem deren schlechte Unternehmenskultur offengelegt wird. Hauptkritikpunkt war stets: 'Betriebsräte, die Arbeitnehmerschutz und Tarifansprüche durchsetzen, wurden bislang systematisch verhindert. Entwürdigende Kontrollen und ein System der Angst, in dem Einschüchterung durch Führungskräfte auf der Tagesordnung stehen, sollen dazu beitragen, dass Beschäftigte sich nicht zur Wehr setzen.'

 

Aber auch der Konkurrent Aldi sowie der Billig-Drogeriemarkt Schlecker wurden in ähnlicher Weise kritisiert. Im Norden machte im Juli die Großbäckerei Steinecke Schlagzeilen, weil sie die Initiative dreier Verkäuferinnen verhinderte, einen Betriebsrat zu gründen. Die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) hat gegen das Unternehmen mit 800 Filialen und 2800 Beschäftigten Strafantrag gestellt. Vorwurf: Verhinderung der Bildung eines Betriebsrats - am Ende hat sich Inhaberin Katrin Steinecke mit dem Wahlausschuss vor Gericht geeinigt.

 

Die NGG hegt aktuell die Befürchtung, dass auch die Geschäftsleitung des Getränkeherstellers Vilsa Brunnen in Bruchhausen-Vilsen etwas gegen Bestrebungen einzuwenden hat, in dem Unternehmen mit 320 Mitarbeitern einen Betriebsrat zu gründen. Nachdem die NGG in der Tarifrunde 2009 mehrmals Informationstage abgehalten habe, sei einigen Mitarbeitern gekündigt worden, sagt NGG-Sekretär Christian Wechselbaum. Bei den Kündigungen habe eine Sozialauswahl nicht stattgefunden.

 

Einer der Betroffenen ist Ralf Kornacker. Der 32-Jährige hat 2003 bei dem Unternehmen angefangen, war zuletzt Mitarbeiter im Lager. Seit 14. August ist er freigestellt - 'ohne Begründung', wie er sagt. 'Ich wurde an dem Tag plötzlich zum Personalchef gerufen. Der hat mir einen Auflösungsvertrag vorgelegt, den ich auch gleich unterschreiben sollte. Ich sei freigestellt und könne nach Hause gehen.'

 

Unterschrieben hat Kornacker nicht. Er hat gegen die Kündigung geklagt. Wie auch noch ein anderer Kollege. Beide, sagt Kornacker, hätten sich Gedanken darüber gemacht, dass es doch seltsam sei, dass es in einem so großen Unternehmen keinen Betriebsrat gebe. Dass ein solcher doch schon lange überfällig sei. 'Davon muss die Geschäftsleitung Wind bekommen haben', sagt Kornacker. 'Ein paar Tage später wurden wir gekündigt.'

 

NGG-Sekretär Wechselbaum vermutet System dahinter: 'Da wird versucht, die Belegschaft einzuschüchtern. Ziel ist, dass sie sich nicht untereinander solidarisiert oder sich an die Gewerkschaft wendet.' Vilsa-Geschäftsführer Henning Rodekohr schüttelt den Kopf. 'Das ist blanker Unsinn.' Er habe rein gar nichts gegen einen Betriebsrat einzuwenden. Im Gegenteil: 'Betriebsräte erfüllen in Firmen wichtige Aufgaben.' Warum es im Werk Bruchhausen-Vilsen keinen solchen gebe, könne er auch nicht beantworten. Die Vorwürfe der NGG jedenfalls würden ihn erschüttern. 'Wir mussten leider einigen Mitarbeitern aus wirtschaftlichen Gründen kündigen', räumt er ein. 'Einer der Kollegen war noch in der Probezeit.'

 

'Firmen teilen die Macht nicht gern', sagt dazu Franz-Josef Möllenberg, Vorsitzender der NGG. 'Das war schon immer so.' Wo Mitarbeiter sich bemüht hätten, Betriebsräte zu gründen, seien sie in der Regel drangsaliert worden. Das zersetze am Ende aber die Bereitschaft zu Engagement und Zivilcourage. Ihn freut jedoch, dass inzwischen die Gesellschaft sensibler für diese Themen geworden ist.

 

'Es ist aber ein moralischer Verwerfungsprozess zu beobachten', sagt Möllenberg. 'Manager, die Milliarden in den Sand setzen, bleiben unangetastet. Verkäuferinnen, die einen Pfandbon über 1,30 Euro mitgehen lassen, werden sofort gekündigt. Das sind die Dinge, die die Menschen aufregen.' Diebstahl sei Diebstahl. Das dürfe nicht schöngeredet werden. Möllenberg appelliert aber, dass die Verhältnismäßigkeit der Vergehen in der Arbeitswelt gewahrt wird. 'Es müssen die Umstände berücksichtigt werden, die für den Fall eine Rolle spielen. In manchen Fällen wird nicht genug danach gefragt, welche Mechanismen hinter den jeweiligen Kündigungen gewirkt haben', rügt der NGG-Chef.

 

(mit freundlicher Genehmigung: Weser Kurier, 17.10.2009, Autor: Günther Hörbst)

Jetzt NGG-Mitglied werden!

Arbeiten Sie bei Vilsa? Hier können Sie der Gewerkschaft NGG sofort online beitreten.

 

Wichtig: Der Beitritt wird vertraulich behandelt. Eine Weitergabe an außergewerkschaftliche Stellen erfolgt nicht.

 

Mitglied werden

Jetzt Online Mitglied werden!

Dr. Azubi

Stress in der Ausbildung?
Dr. Azubi hilft!

©  Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)  |  wegewerk> wwEdit CMS 3.5

Aus urheberrechtlichen Gründen ist der Download dieses Bildes nicht möglich.