Minijobs im Gastgewerbe

Trauriger Spitzenreiter

Im Gastgewerbe nimmt die Zahl der Minijobs immer weiter zu.

 

Im Hotel- und Gaststättengewerbe ist seit Jahren ein trauriger Trend zu beobachten. Die Zahl der regulär in Vollzeit beschäftigten Menschen in der Branche nimmt mehr und mehr ab, der Anteil der geringfügig Beschäftigten steigt beständig und stark. Heute sind im Gastgewerbe 1,6 Millionen Menschen geringfügig beschäftigt, prekäre Arbeit ist damit längst eine Form von „Normalarbeitsverhältnis“ geworden.* Von 2004 – ein Jahr zuvor waren die Minijobs gesetzlich neu geregelt worden – bis Ende 2010 ist der Anteil der Minijobs in der Branche um 24 Prozent gestiegen. Inzwischen ist im Gastgewerbe fast jeder zweite Job (!) ein Minijob. In keiner anderen Branche gibt es so viele Minijobs, das Gastgewerbe ist trauriger Spitzenreiter.

 

Minijobs: Ein politischer Irrweg

Bis zur Grenze von 400 Euro – deshalb auch „400-Euro-Jobs“ genannt – sind Minijobs von der normalen Sozialversicherungspflicht befreit. Ursprünglich sollten Minijobs ein einfacher, unbürokratischer Weg aus der Arbeitslosigkeit und eine Möglichkeit des Zuverdienstes für Studenten, Hausfrauen und Rentner sein. So weit so gut.
Leider haben sich die Erwartungen der Politik ganz und gar nicht erfüllt. Weder bringen Minijobs Menschen zurück in reguläre Arbeit, noch sind sie bloß ein zusätzliches Einkommen. Das Gegenteil ist der Fall – in vielen Branchen werden kaum noch andere Beschäftigungsformen angeboten. Wie können aber Minijobs ein Weg in reguläre Beschäftigung sein, wenn kaum mehr „normale“ Stellen angeboten werden? Im Regelfall stecken Minijobberinnen und Minijobber auf Jahre in der „Minijobfalle“ fest. Minijobs sind kein Weg in Arbeit, sondern ein politischer Irrweg. Auch sind Minijobs für einen Großteil, nämlich 4,8 von insgesamt (branchenübergreifend) 7,9 Millionen Minijobbern, nicht Zubrot, sondern der einzige Verdienst. Minijobs haben massenhaft reguläre Beschäftigung verdrängt – das gilt in ganz besonderem Maße für das Gastgewerbe. So weit, so schlecht.
 

 

Spitzenreiter Gastgewerbe

Die Hotel- und Gaststättenbranche ist aus verschiedenen Gründen ganz besonders von der Ausweitung der Minijobs betroffen. Das Gastgewerbe – und ganz besonders der Gaststättenbereich – ist kleinteilig. Die Mehrheit der knapp 176.000 Betriebe der Branche sind Klein- und Kleinstbetrieben. Im deutschen Gastgewerbe haben neun von zehn der Unternehmen weniger als zehn Beschäftigte. Die große Anzahl kleiner, unabhängig voneinander agierender Betriebe erhöht die Fluktuation. Ist ein Angestellter unzufrieden mit Bezahlung oder Arbeitsbedingungen, wird oft kurzerhand der Betrieb gewechselt. Die Einhaltung von Mindeststandards durch den Arbeitgeber wird von den Beschäftigten nur selten eingefordert. Im Gastgewerbe fällt die Arbeit oft stoßweise und zu bestimmten Zeiten an. Für einen Kellner oder Koch sind beispielsweise die Mittagszeit und der Abend Hauptbeschäftigungszeit. Dazwischen liegen auch mal Phasen, in denen es etwas ruhiger zu geht und weniger Personal benötigt wird. Für den Arbeitgeber sind Minijobber meist billiger als Vollzeitbeschäftigte, ganz besonders, wenn sich die Hauptarbeit regelmäßig auf bestimmte, vorhersehbare Zeiten konzentriert. Was liegt also näher, als auf (teure) Vollzeitkräfte zu verzichten und stattdessen zu den Hauptzeiten auf zusätzliche (billige) Minijobber zurückzugreifen?

 

Neue Möglichkeiten für schwarze Schafe

Für die schwarzen Schafe unter den Arbeitgebern der Branche bieten sich seit der Einführung der Minijobs ganz neue Möglichkeiten. Minijobberinnen und Minijobber sind oft etwas „genügsamer“ als reguläre Vollzeitkräfte. Weder kennen sie ihre Rechte genau noch sind sie – meist aus Angst vor dem Jobverlust – willens, für sie einzustehen. Schon deshalb kommt unbezahlte Mehrarbeit bei Minijobbern noch öfter vor, als es in der Branche sowieso schon der Fall ist. Seit die Stundenzahl der Minijobber nicht mehr gesetzlich festgeschrieben ist – ehemals galt eine wöchentliche Obergrenze von 15 Stunden – sind Fälle von Schwarzarbeit noch schwerer nachzuweisen. Die Behörden stehen immer öfter vor dem Problem beweisen zu müssen, dass der als Minijobber angemeldete Beschäftigte wirklich nur die angegebenen Stunden gearbeitet hat. Das Risiko erwischt zu werden ist damit seit der Einführung der Minijobs gesunken. Ein geeignetes Mittel um Schwarzarbeit im Gastgewerbe zurückzudrängen sind Minijobs so sicher nicht.

 

Leere Lehrstellen

Die starke Zunahme der Zahl der Minijobs im Gastgewerbe ist nicht nur aus Sicht der so beschäftigten Menschen zu verurteilen. Der Trend zum Einsatz von mehr und mehr Minijobbern und Minijobberinnen hat einen Trend zu immer geringerer Bezahlung in Bewegung gesetzt: Vereinfacht gesagt: Die Minijobs haben die „Preise“ kaputt gemacht. Schon jetzt leidet die Branche unter den immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen. So wird es beispielsweise immer schwerer, junge Menschen von den Vorzügen einer Ausbildung im Gastgewerbe zu überzeugen. Viele Lehrstellen bleiben leer. Betrachtet man die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen in manchen Betrieben, kann das kaum verwundern. Gerade vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und dem zu erwartenden „Kampf“ der Branchen um die weniger werdenden Auszubildenden, muss die Branche für bessere Arbeitsbedingungen (und bessere Bezahlung) sorgen. Eine Abkehr vom Trend zu immer mehr Minijobs wäre ein Anfang. Eine Zukunft in der „Minijobfalle“ ist für potenzielle Auszubildende wohl nicht sehr anziehend.

 

Forderung: Minijobs abschaffen

NGG fordert die Abschaffung der Minijobs – nicht nur im Gastgewerbe, sondern überall. Minijobs sind ein Irrweg und sicher kein Weg zu mehr regulärer Beschäftigung. Was Deutschland braucht, sind nicht immer mehr (Mini-) Jobs, von denen es sich nicht leben lässt, sondern mehr reguläre, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Von Minijobs kann niemand leben. Heute nicht und im Rentenalter schon gar nicht. Minijobberinnen und Minijobber zahlen kaum Sozialversicherungsbeiträge, zukünftige massenhafte Altersarmut geht so ganz zwangläufig mit dem Anstieg der Zahl der Minijobs einher.


* Alle Zahlen beruhen auf Untersuchungen der Hans-Boeckler Stiftung und NGG.

 

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