Heiner Flassbeck

Warum die Ökonomen die Welt nicht verstehen

Aus: Financial Times Deutschland vom 11.08.2011

 

Die Mehrheit macht Staatsschulden und Inflationsängste für die Krise verantwortlich. Weit gefehlt! Ursache sind zu niedrige Löhne und zu wenig privater Konsum.


In diesen Tagen der Angst an den Börsen kann man es wieder im Detail verfolgen: das Phänomen, dass die Mehrheit der Ökonomen die Welt überhaupt nicht mehr versteht.
Statt für Aufklärung zu sorgen, verstärken sie lediglich die allgemeine Kakofonie dramatisch und verunsichern die ökonomischen Laien, die üblicherweise als Wirtschaftspolitiker agieren, noch mehr.


Warum gibt es schon wieder einen Crash an den Aktien- und Rohstoffmärkten, so kurz nach der Jahrhundertkrise des Jahres 2008? Offensichtlich, weil die Weltwirtschaft zu
stagnieren oder einzubrechen droht. Aber warum? Hatten nicht fast alle "Experten" erwartet, dass nach der Krise ein langer Aufschwung in Gang kommt, der für solide Gewinne
und Einkommenszuwächse über steigende Beschäftigung sorgt? Warum kommt trotz der damals groß geschnittenen Anregungsprogramme und einer historisch einmalig
expansiven Geldpolitik kein sich selbst tragender Aufschwung in Gang?


Wegen der globalen Schuldenkrise der Staaten und der Angst vor Inflation! Das ist die einzige zusammenhängende Antwort, die von den Mainstream-Ökonomen hervorgebracht
wird. Doch genau das widerlegen die täglichen Meldungen von den Märkten, an die diese Ökonomen sonst doch so fest glauben. Nichts ist mehr gefragt in diesen Tagen
als Staatsanleihen! Selbst die der herabgestuften USA erfreuen sich ungeheurer Beliebtheit, abzulesen an den sinkenden Renditen oder steigenden Kursen.


Was die Ökonomen und ihre medialen Multiplikatoren nicht begreifen können, ist der Zusammenhang zwischen Konjunktur und den Einkommenserwartungen der normalen
Menschen. In den USA, in Europa und in Japan stockt die Konjunktur, weil der private Konsum stockt. Denn der ist für diese großen Wirtschaftsräume insgesamt der einzige
Motor, auf den man setzen kann. Der aber stockt, weil die Löhne nicht steigen, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist. Mit der katastrophalen Folge, dass die Arbeitslosigkeit hoch
bleibt, weil sie hoch ist. Das war früher anders, aber genau das wollen die Ökonomen nicht begreifen, weil es ihr ganzes Weltbild zum Einsturz bringt.


Am deutlichsten ist das in den USA. Dort sind in den letzten 20 Jahren von Zyklus zu Zyklus die Löhne vom Tiefpunkt der Konjunktur weg weniger stark gestiegen. Seit dem
Frühjahr 2011 stagnieren sie nominal nahezu und fallen, wenn man die Inflation berücksichtigt. Da auch die Beschäftigung nicht steigt, fallen die Realeinkommen des Großteils der Konsumenten, und sie reagieren mit einer Stagnation ihrer Nachfrage. In Europa werden viele Länder gezwungen, das zu tun, was Deutschland getan hat: für stagnierende oder fallende Löhne zu sorgen. Und in Japan gibt es schon 20 Jahre lang keine normalen Lohnsteigerungen mehr.


Da es für diese drei großen Wirtschaftsräume kein Exportventil auf dieser Welt gibt, das sie erlösen könnte, führen stagnierende private Nachfrage und schrumpfende öffentliche
Nachfrage wegen staatlicher Konsolidierungsversuche zu einem Krisenszenario, auf das aufgeblasene Finanzmärkte nur mit neuer Krise reagieren können. Was als "Aufschwung" an den Finanzmärkten 2009 begann, hätte von einem realen Aufschwung unterlegt sein müssen, um dauerhaft Werte zu schaffen. Diesen aber gab es nicht, weil nach der ersten Anregung durch die Finanz- und Geldpolitik die private Nachfrage das Wachstum hätte antreiben müssen. In einer Welt, in der in den wichtigsten Wirtschaftsräumen der durchschnittliche Verbraucher keine positiven Einkommenserwartungen hat, kann das nicht funktionieren.


Die Konsequenzen sind einfach: Begreift die Welt diesen Zusammenhang schnell, und gelingt es ihr, über eine staatlich koordinierte Lohnpolitik die Voraussetzungen für positive Einkommenserwartungen wiederherzustellen, kann man auf die Rückkehr alter zyklischer Muster hoffen. Falls nicht, kann es Wachstum nur noch über neue staatliche Ankurbelungsprogramme geben. Schließt man die aus, weil die "Märkte" und die Politik sich vor neuen staatlichen Schulden fürchten, ist das japanische Szenario - zwei in Stagnation und Deflation verlorene Jahrzehnte - das wahrscheinlichste Ergebnis. Die politischen Folgen mag man sich nicht ausmalen.


Heiner Flassbeck ist Chefökonom der Uno-Handelskonferenz Unctad in Genf.

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